Zur Person
Ein Dichter, der seine Biographie dichtete
Georges Forrestier war ein Dichter — im doppelten Wortsinne. Er dichtete Verse. Und er dichtete seine eigene Biographie.
Hinter dem Namen verbarg sich der deutsche Germanist und Verlagslektor Karl Emerich Krämer (1918–1987). Die Gedichte erschienen 1952 als angeblich postumes Werk eines jungen elsässischen Fremdenlegionärs, der im Indochinakrieg verschollen sei — eine Figur, die Krämer vollständig erfunden hatte: heimatlos zwischen zwei Nationen, romantisch, tragisch, verloren. Die Kritik war begeistert. Gottfried Benn lobte die „wunderbar zarte[n], gedämpfte[n], melancholische[n] Verse". Stefan Andres meinte: „Wir Deutschen hatten noch keinen Rimbaud, mit Forestier haben wir ihn." Das Buch erlebte acht Auflagen.
Was den Erfolg befeuerte, war genau die Fiktion. Die Verse eines tragischen Abenteurers, der im Dschungel verschwunden war, lasen sich anders als die eines westdeutschen Verlagsmitarbeiters. 1955 ging der Schwindel an die Öffentlichkeit — und mit dem Erfolg der erfundenen Biographie verschwand auch der Erfolg des Buches nahezu über Nacht. Was zuvor gefeiert wurde, galt plötzlich als Betrug. Auch Krämers eigene Vergangenheit als überzeugter Nationalsozialist, die er mit der Erfindung Forrestiers überschrieben hatte, trat ans Licht.
Bleibt die Frage, ob die Biographie eines Autors verändert, was wir in seinen Versen lesen — oder ob ein Gedicht für sich selbst sprechen kann, einmal in die Welt gesetzt. „Mein Lied für Europa" ist eine Hymne auf diesen Kontinent. Eine, die einst gefeiert und dann verworfen wurde, weil sich die Erzählung um sie herum veränderte. Der Text selbst hat sich nicht verändert. Vielleicht hält man sich einfach an ihn.
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