Ein Gedicht über den Kontinent

Mein Lied
für Europa

von Georges Forrestier

Das alte Europa kann noch nicht sterben, unter brandigen Narben pocht stark sein Blut, treibt durch Kanäle, Arterien und Venen, schießt durch die Glieder und Herzgefäße spült über Schutt und Asche und Trümmer bis hin zur Nogat Weichsel und Oder, pocht tief im Küstensaum des Kanals und Atlantik.
Rom heißt sein Herz, Paris ein andres, London, Berlin, Den Haag und Madrid. Das alte Europa hat viele Herzen, hat viele Kronen, die nie verdunkeln.
Sag Moskau und fühle: Du bist allein. Nenne New York und du bist in der Fremde. Shanghai, Benares sind Abenteuer, Sidney und Rio: ein Gruß aus der Ferne.
Wo dein Traum dich auch hintreibt, stets kehrst du wieder heim nach Athen nach Wien oder Oslo.
Sag nur Europa und horch auf dein Herz. Zwischen Feuer und Eis glimmt aprilne Luft. Der Himmel ist näher und süßer die Erde. Die Stuben sind eng und voller Gefühl.
Dicht beieinander spürst du die Gräber spürst du die Väter bei jedem Schritt.
Horch auf dein Herz: Europa stirbt nicht. Es kann nicht sterben, solang du es liebst.

Zur Person

Ein Dichter, der seine Biographie dichtete

Georges Forrestier war ein Dichter — im doppelten Wortsinne. Er dichtete Verse. Und er dichtete seine eigene Biographie.

Hinter dem Namen verbarg sich der deutsche Germanist und Verlagslektor Karl Emerich Krämer (1918–1987). Die Gedichte erschienen 1952 als angeblich postumes Werk eines jungen elsässischen Fremdenlegionärs, der im Indochinakrieg verschollen sei — eine Figur, die Krämer vollständig erfunden hatte: heimatlos zwischen zwei Nationen, romantisch, tragisch, verloren. Die Kritik war begeistert. Gottfried Benn lobte die „wunderbar zarte[n], gedämpfte[n], melancholische[n] Verse". Stefan Andres meinte: „Wir Deutschen hatten noch keinen Rimbaud, mit Forestier haben wir ihn." Das Buch erlebte acht Auflagen.

Was den Erfolg befeuerte, war genau die Fiktion. Die Verse eines tragischen Abenteurers, der im Dschungel verschwunden war, lasen sich anders als die eines westdeutschen Verlagsmitarbeiters. 1955 ging der Schwindel an die Öffentlichkeit — und mit dem Erfolg der erfundenen Biographie verschwand auch der Erfolg des Buches nahezu über Nacht. Was zuvor gefeiert wurde, galt plötzlich als Betrug. Auch Krämers eigene Vergangenheit als überzeugter Nationalsozialist, die er mit der Erfindung Forrestiers überschrieben hatte, trat ans Licht.

Bleibt die Frage, ob die Biographie eines Autors verändert, was wir in seinen Versen lesen — oder ob ein Gedicht für sich selbst sprechen kann, einmal in die Welt gesetzt. „Mein Lied für Europa" ist eine Hymne auf diesen Kontinent. Eine, die einst gefeiert und dann verworfen wurde, weil sich die Erzählung um sie herum veränderte. Der Text selbst hat sich nicht verändert. Vielleicht hält man sich einfach an ihn.


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